Das Land
Haiti ist ein karibischer Staat auf der Insel Hispaniola, der gemeinsame Landgrenzen mit der Dominikanischen Republik teilt. Nach der Erklärung seiner Unabhängigkeit im Jahr 1804 wurde Haiti das erste Land der Welt, das von ehemaligen Sklaven regiert wurde. Der Staat erstreckt sich über eine Fläche von 27.750 Quadratkilometern. Seine Hauptstadt ist Port-au-Prince. Im Jahr 2026 hat das Land eine geschätzte Bevölkerung von rund 11,9 Millionen Menschen. Haiti ist das am wenigsten entwickelte Land der westlichen Hemisphäre und einer der fragilsten Staaten der Welt.
Die humanitäre Lage
Im Jahr 2026 benötigen etwa 6,4 Millionen Menschen – mehr als die Hälfte der Bevölkerung Haitis – humanitäre Hilfe, während sich die Sicherheitslage weiter verschlechtert. Bewaffnete Banden kontrollieren oder beeinflussen bis zu 90 Prozent der Hauptstadt, und die Gewalt der Gangs hat sich über das karibische Land ausgebreitet. Haiti blickt zudem auf eine lange Geschichte von Naturkatastrophen zurück und ist nach wie vor besonders anfällig für Hurrikane, Erdbeben und Überschwemmungen.
Am 12. Januar 2025 jährte sich zum 15. Mal ein verheerendes Erdbeben, bei dem Hunderttausende Menschen ums Leben kamen. Im Januar 2010 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,0 Haiti, mit einem Epizentrum etwa 25 km westlich der Hauptstadt Port-au-Prince. Schätzungen zufolge starben mehr als 300.000 Menschen, 3 Millionen waren betroffen und etwa 1,5 Millionen wurden obdachlos. Das Erdbeben wurde als das schlimmste in der Region in den letzten 200 Jahren eingestuft.
Am 14. August 2021 erschütterte ein Erdbeben der Stärke 7,2 den Südwesten Haitis, das mehr als 2.200 Menschen tötete, über 800.000 Menschen in Mitleidenschaft zog und weitreichende Zerstörungen verursachte. Die Katastrophe im Jahr 2021 verschärfte die ohnehin schon schwierige humanitäre Lage, die von anhaltender politischer Instabilität, sozioökonomischer Krise, bandenbedingter Unsicherheit, Binnenvertreibung und zunehmender Ernährungsunsicherheit und Unterernährung geprägt war.
Der Hurrikan Melissa forderte im Oktober 2025 mindestens 46 Menschenleben, zerstörte oder beschädigte mehr als 842.000 Häuser und beeinträchtigte die Lebensgrundlagen der Menschen erheblich. Obwohl Haiti nicht direkt von Melissa getroffen wurde, litt das Land mehrere Tage lang unter schweren Überschwemmungen und starken Regenfällen. Die Regionen Sud, Grand’Anse, Nippes und Ouest waren am stärksten betroffen und erlitten weitreichende Schäden an Häusern, Infrastruktur, Brücken und kommunalen Wasserversorgungssystemen.
Seit vier Jahren wird Haiti von bewaffneten Banden heimgesucht, die mittlerweile 90 Prozent des Ballungsraums von Port-au-Prince (PPMA) kontrollieren oder beeinflussen. Obwohl Port-au-Prince nach wie vor im Zentrum der Krise steht, haben sich die Vertreibungsmuster seitdem rapide verändert. Im vergangenen Jahr ereigneten sich zwei Drittel der registrierten Vertreibungen außerhalb der Hauptstadt, vor allem in den Departements Centre und Artibonite – ein Hinweis darauf, dass sich die Sicherheitslage weit über den Großraum hinaus zugespitzt hat.
Daten aus den ersten drei Monaten des Jahres 2026 zeigen, dass die Bandenkriminalität weiterhin verheerende Auswirkungen auf das Leben der Menschen hat. Nach Angaben des Integrierten Büros der Vereinten Nationen in Haiti (BINUH) wurden in diesem Zeitraum mindestens 1.642 Menschen im Zusammenhang mit Bandenkriminalität getötet und 745 weitere verletzt.
Insgesamt waren Bandenmitglieder für 27 Prozent der zwischen Januar und März verzeichneten Tötungen und Verletzungen verantwortlich. Sie waren auch für sexuelle Gewalt verantwortlich, darunter Gruppenvergewaltigungen und Fälle sexueller Ausbeutung. Nach Angaben der UN waren mehr als 69 Prozent der in den ersten drei Monaten des Jahres Getöteten oder Verletzten Folge von Operationen der Sicherheitskräfte gegen bewaffnete Gruppen, die teilweise mit Unterstützung einer privaten Militärfirma unter Einsatz von Drohnen durchgeführt wurden.
Nach Angaben des UN-Menschenrechtsbüros (OHCHR) wurden im Jahr 2025 mindestens 5.915 Menschen im Zusammenhang mit Bandenkriminalität getötet und 2.708 verletzt. Im vergangenen Jahr wurden mindestens 647 Entführungen zur Erpressung von Lösegeld dokumentiert. Auch die Rekrutierung von Kindern zur Mitgliedschaft in Banden und sexuelle Gewalt durch Banden nehmen weiter zu. Im Jahr 2025 wurden 1.753 Fälle von gangbezogener sexueller Gewalt dokumentiert.
Allein im Jahr 2024 wurden laut Zahlen des OHCHR mehr als 5.600 Menschen getötet, 2.212 verletzt und 1.494 entführt. Das OHCHR dokumentierte zudem 315 Lynchmorde an Gangmitgliedern und Personen, die angeblich mit Banden in Verbindung standen.
Im Jahr 2023 hattem Morde, Entführungen und sexuelle Gewalt durch kriminelle Gruppen in und um Port-au-Prince bereits dramatisch zugenommen. Nach Angaben der UN wurden in Haiti mindestens 4.789 Menschen getötet und 2.490 im Rahmen von Bandenkriminalität entführt. Die Zahl der gemeldeten Tötungsdelikte stieg 2023 im Vergleich zu 2022 um 120 Prozent, die Zahl der Entführungen um 83 Prozent.
Haiti ist mittlerweile das Land mit der weltweit höchsten Zahl an Vertreibungen aufgrund von krimineller Gewalt. Stand Mai 2026 waren in Haiti fast 1,5 Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht. Kinder tragen die größte Last der Zwangsvertreibung und machen mehr als die Hälfte aller Vertriebenen aus.
Haiti verzeichnet nun die höchste Zahl an Menschen, die jemals durch Gewalt vertrieben wurden, wobei Binnenvertriebene 12 Prozent der Bevölkerung des Landes von 11,9 Millionen ausmachen. Viele der Vertriebenen sind bereits mehrfach zur Flucht gezwungen worden.
Laut IOM ist der Anstieg der Vertreibungen hauptsächlich auf die Verschlechterung der Sicherheitslage im Großraum Port-au-Prince und in anderen Teilen des Landes zurückzuführen. Die neuesten Daten der IOM zeigen, dass über 1,47 Millionen Menschen aufgrund von Gewalt und Instabilität gezwungen waren, aus ihrer Heimat zu fliehen. Die Binnenvertreibung konzentriert sich stark auf bestimmte Gebiete. Fast die Hälfte aller Binnenvertriebenen lebt in nur 10 der 140 Gemeinden des Landes, vor allem in Departements, die an die Hauptstadt Port-au-Prince angrenzen.
Während einige Gebiete von Port-au-Prince weiterhin Ziel bewaffneter Angriffe sind, hat sich die Gewalt deutlich über den Großraum hinaus ausgeweitet, wobei es in den Departements Centre, Grand Nord und Artibonite aufgrund wiederkehrender Zusammenstöße zu einem starken Anstieg gekommen ist. Nach Angaben der IOM leben fast 80 Prozent der Vertriebenen in ländlichen Gebieten, während über 20 Prozent in Port-au-Prince Zuflucht gesucht haben.
In den am stärksten betroffenen Zonen der Hauptstadt überschritt die Zahl der Binnenvertriebenen im Mai 2026 erstmals 300.000, wobei mehr als 213.000 Menschen in 112 ausgewiesenen Unterkünften untergebracht waren. In ganz Haiti ist die Mehrheit der Vertriebenen (84 Prozent) jedoch bei Gastfamilien oder in gemieteten Unterkünften untergebracht und nicht in offiziellen Notunterkünften.
Obgleich mehrere Teile der Hauptstadt weiterhin von bewaffneten Angriffen betroffen sind, insbesondere in der Gemeinde Cité Soleil, ist eine erhebliche Anzahl von Menschen zurückgekehrt. Seit der letzten Erhebung der IOM sind in ganz Haiti fast 166.000 Binnenvertriebene in ihre Herkunftsgebiete zurückgekehrt.
Die unmittelbaren Bedarfe der Binnenvertriebenen konzentrieren sich auf das nackte Überleben: Nahrung (von 73 % der Befragten genannt), Lebensgrundlagen (65 %), Unterkunft (38 %), Wasser und Sanitärversorgung (38 %) sowie Gesundheitsversorgung (37 %). Die Krise wird zusätzlich dadurch verschärft, dass die Aufnahmegemeinden oft überlastet sind, was den Bedarf an sauberem Wasser, Sanitärversorgung, Hygiene, Unterkunft und anderer entscheidender Unterstützung erheblich erhöht.
Zehntausende haben versucht, aus dem Land zu fliehen. Im Jahr 2023 haben Drittstaaten mehr als 216.000 Menschen gegen ihren Willen nach Haiti zurückgeschickt. Trotz wiederholter Appelle der Vereinten Nationen, Haitianer nicht zwangsweise rückzuführen, haben andere Länder im Jahr 2024 über 200.000 Haitianer abgeschoben, was die ohnehin schon überlasteten Sozialdienste des Landes weiter belastet. Trotz der katastrophalen Menschenrechtslage und der schweren humanitären Krise in Haiti wurden im Jahr 2025 mehr als 270.000 Menschen in das karibische Land abgeschoben.
Neben der massiven Vertreibungskrise ist Haiti mit einer schweren Hungerkrise konfrontiert. Weit verbreitete Armut, steigende Lebenshaltungskosten, geringe landwirtschaftliche Produktion und teure Lebensmittelimporte haben die bestehende Ernährungsunsicherheit in Haiti verschärft, sodass viele Frauen, Männer und Kinder unter Hunger und Unterernährung leiden. Mehr als die Hälfte der Bevölkerung ist von akuter Ernährungsunsicherheit betroffen.
Der jüngste Bericht zur Ernährungssicherheit zeigt, dass aufgrund der unerbittlichen Bandenkriminalität und des anhaltenden wirtschaftlichen Zusammenbruchs eine Rekordzahl von 5,8 Millionen Menschen unter akutem Hunger leidet. Laut der Integrierten Klassifizierung der Ernährungssicherheit (IPC) sind darunter über 1,8 Millionen Menschen von akuter Ernährungsunsicherheit auf Notfallniveau (IPC-Phase 4) betroffen, die durch große Nahrungsmitteldefizite und ein hohes Maß an akuter Unterernährung gekennzeichnet ist. Weitere 4 Millionen Menschen sind von akuter Ernährungsunsicherheit auf Krisenebene (IPC-Phase 3) betroffen.
Laut einem Frühwarnbericht aus dem Jahr 2025 zählte Haiti zu den fünf weltweit schlimmsten Brennpunkten des Hungers, in denen die Menschen am stärksten von Auszehrung, Verhungern und Tod bedroht sind.
Das Gesundheitssystem steht kurz vor dem Zusammenbruch und ist durch Gewalt und jahrelange Unterfinanzierung stark angeschlagen. Der Zugang zur Gesundheitsversorgung verschlechtert sich in ganz Haiti. Besonders akut ist die Lage in der PPMA, wo laut der Panamerikanischen Gesundheitsorganisation (PAHO) 42 Prozent der Gesundheitseinrichtungen geschlossen sind, weitere 16 Prozent nur teilweise funktionieren und nur 42 Prozent voll funktionsfähig sind.
Die Vereinten Nationen gehen davon aus, dass im Jahr 2026 6,4 Millionen Menschen humanitäre Nothilfe benötigen werden, was einen weiteren Anstieg gegenüber dem Vorjahr bedeutet. Der Humanitäre Reaktionsplan für Haiti (HNRP) für 2026 sieht 880 Millionen US-Dollar zur Unterstützung der 4,2 Millionen am stärksten gefährdeten Menschen vor, doch bis Mai 2026 sind lediglich 23 Prozent dieser Summe bereitgestellt worden.
Im Jahr 2025 benötigten nach Angabem der Vereinten Nationen 6 Millionen Menschen humanitäre Hilfe und Schutz. Der HNRP für Haiti für das Jahr 2025 sah 908 Millionen US-Dollar vor, um 4 Millionen der am stärksten gefährdeten Menschen lebensrettende Hilfe zukommen zu lassen. Bis Dezember 2025 waren lediglich 23 Prozent des HRP finanziert, wobei nur 207 Millionen US-Dollar eingegangen waren.
Aufgrund der gravierenden Finanzierungsengpässe und der unsicheren Lage stehen die humanitären Maßnahmen vor erheblichen Herausforderungen. Zur Jahresmitte 2025 war der HNRP für Haiti der weltweit am schlechtesten finanzierte humanitäre Hilfeaufruf. Nach Angaben des humanitären Amtes der Vereinten Nationen wirkt sich die Finanzierungslücke auch auf die Vorbereitungen für die Hurrikansaison aus, da die Hilfsgüter bei weitem nicht ausreichen, um wirksam auf einen schweren Sturm reagieren zu können.
Wegen der durch Gewalt bedingten Zugangsbeschränkungen sind die Hilfsorganisationen nicht in der Lage, Lebensmittel, Wasser, Unterkünfte und Gesundheitsdienste wirksam bereitzustellen, und einige haben bestimmte Maßnahmen ausgesetzt oder verlegt.
Die Gewalt in Port-au-Prince hat die ohnehin schon prekäre Situation für Kinder und ihre Familien noch verschlimmert. 500.000 Kinder haben keinen regelmäßigen Zugang zu Schulen, nur begrenzten Zugang zu Wasser und alarmierende Unterernährungsraten. Die bewaffnete Gewalt hat die Zahl der Kinder in Haiti, die an schwerer akuter Unterernährung ("Severe Acute Malnutrition", SAM), auch bekannt als schwere Auszehrung ("severe wasting"), leiden, erhöht.
Im Oktober 2022 brach in Haiti erneut Cholera aus. Von Oktober 2022 bis April 2024 meldete das Land 82.000 Verdachtsfälle von Cholera und 1.270 Todesfälle im Zusammenhang mit Cholera. Experten befürchten, dass die tatsächliche Zahl aufgrund von Untererfassungen deutlich höher war. Ein starker Anstieg der Cholera-Fälle im Jahr 2025 kehrte den Abwärtstrend von 2024 um und erhöhte die Risiken für die öffentliche Gesundheit, insbesondere in Gebieten mit begrenztem Zugang zu sauberem Wasser und sanitären Einrichtungen.
Die Vereinten Nationen gaben an, dass im Jahr 2024 etwa 5,5 Millionen Menschen humanitäre Hilfe und Schutz benötigten, was einem Anstieg gegenüber dem Vorjahr entsprach. Der Bedarf an humanitärer Hilfe für die betroffene Bevölkerung wurde für 2024 auf 674 Millionen US-Dollar geschätzt. Im Januar 2025 war der Humanitäre Reaktionsplan (HRP) für Haiti für das Jahr 2024 lediglich zu 42 Prozent finanziert.
Mehr als 5,2 Millionen Menschen benötigten im Jahr 2023 humanitäre Hilfe, darunter fast 3 Millionen Kinder. Der Humanitäre Reaktionsplan (HRP) der Vereinten Nationen 2023 für Haiti erforderte 720 Millionen US-Dollar, um mehr als drei Millionen Menschen zu unterstützen. Bis Dezember war der HRP nur zu 33 Prozent finanziert. Im Juli 2023 gab das Welternährungsprogramm (WFP) bekannt, dass es gezwungen war, die Zahl der Menschen, die in Haiti Nahrungsmittelsoforthilfe erhalten, aufgrund der schwindenden Mittel um ein Viertel zu reduzieren.
Von den Überschwemmungen im November und Dezember letzten Jahres waren landesweit mehr als 315.000 Menschen betroffen.
Die Sicherheitslage
Präsident Jovenel Moïse wurde am 7. Juli 2021 ermordet, was das Land in eine extrakonstitutionelle Regierungsstruktur führte und zur wachsenden Fragilität des Landes beitrug. Die fünfjährige Amtszeit von Präsident Moïse wäre am 7. Februar 2022 zu Ende gegangen; seine Ermordung stürzte Haiti in eine tiefere politische Krise. Infolgedessen wurden die nationalen und regionalen Wahlen auf unbestimmte Zeit verschoben, und ein neuer Termin für die Präsidentschaftswahlen wurde noch nicht festgelegt.
Am 20. Juli 2021 setzte die haitianische Regierung Ariel Henry als Premierminister ein. Mit Stand vom Juni 2024 hatte Haiti keinen Präsidenten, Parlament und Senat hatte kein gewähltes Mitglied mehr und der Oberste Gerichtshof funktionierte nicht, weil es an Richtern mangelte.
Am 21. Dezember 2022 wurde von einem breiten Spektrum von haitianischen Politikern, Mitgliedern der Zivilgesellschaft, Geistlichen, Gewerkschaften und dem privatwirtschaftlichen Sektor eine nationale Konsensvereinbarung (National Consensus Agreement) über das weitere Vorgehen im Hinblick auf die Durchführung von Wahlen unterzeichnet.
Derzeit sind in Port-au-Prince und den umliegenden Gemeinden mindestens 26 Banden aktiv. In den vergangenen Monaten haben diese bewaffneten Gruppen ihre Kontrolle auf 90 Prozent der Hauptstadt und darüber hinaus ausgeweitet. Inmitten der anhaltenden Gewalt und Massenvertreibungen in Haiti stieg die Rekrutierung von Kindern durch Banden im Jahr 2025 um 200 Prozent.
Es wird angenommen, dass etwa die Hälfte aller Bandenmitglieder unter 18 Jahre alt ist. Oft treten Kinder den Banden bei, um ihre Familien zu unterstützen, oder nachdem sie Drohungen gegen sich selbst oder ihre Angehörigen erhalten haben. Andere kommen hinzu, nachdem sie von ihren Familien getrennt wurden, wobei sie die Banden als Mittel zum Überleben und zum Schutz betrachten.
Nach Angaben von Menschenrechtsgruppen und Analysten stehen viele der Gangs mit politischen Akteuren in Verbindung. Sie kontrollieren auch strategische Zugangswege im Land und haben ihre kriminellen Aktivitäten auf ganz Haiti ausgeweitet. Bewaffnete Banden verüben schwere Übergriffe auf die Bevölkerung, darunter auch sexuelle Gewalt in großem Maßstab, und zwingen ganze Gemeinden zur Flucht.
Die Vereinten Nationen warnen, dass der Zugang für humanitäre Hilfsorganisationen durch die unsichere Lage und die anhaltende Treibstoffkrise ernsthaft gefährdet ist. Die Zunahme der Bandengewalt hatte die Regierung Haitis veranlasst, die internationale Gemeinschaft um Hilfe zu bitten. Um der Gewalt durch Banden Einhalt zu gebieten, ersuchte die Regierung von Premierminister Henry um die Entsendung einer schnellen Eingreiftruppe nach Haiti.
Die Forderung wurde vom Generalsekretär der Vereinten Nationen, António Guterres, unterstützt. Auch der UN-Hochkommissar für Menschenrechte, Volker Türk, hatte die internationale Gemeinschaft aufgefordert, dringend die Entsendung einer zeitlich befristeten Spezialeinheit zu erwägen.
Am 2. Oktober 2023 genehmigte der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine internationale Truppe zur Unterstützung der haitianischen Polizei. Auf der Grundlage von Kapitel VII der UN-Charta stimmten 13 der 15 Ratsmitglieder für die multinationale Sicherheitsunterstützungsmission, die nicht von den Vereinten Nationen gestellt wird, während sich China und Russland der Stimme enthielten. Ziel der Mission ist es, die haitianische Polizei bei der Eindämmung der zunehmenden Bandengewalt und der Wiederherstellung der Sicherheit in dem Karibikstaat zu unterstützen.
Mit der Resolution 2699 (2023) wurde die Sicherheitsunterstützungsmission zunächst für ein Jahr genehmigt, wobei eine Überprüfung nach neun Monaten vorgesehen ist. Kenia hat sich freiwillig bereit erklärt, die multinationale Sicherheitsunterstützungsmission zu leiten und hat rund tausend Polizisten zugesagt. Die karibischen Länder Bahamas, Jamaika sowie Antigua und Barbuda haben sich ebenfalls bereit erklärt, Personal zu stellen. Darüber hinaus haben weitere afrikanische Länder wie der Tschad, der Senegal und Burundi angekündigt, die multinationale Truppe zu verstärken.
Nach monatelangen Verzögerungen trafen im Juni 2024 vierhundert kenianische Sicherheitsbeamte in Haiti ein, als Teil eines internationalen Polizeikontingents, das entsandt wurde, um die grassierende Bandenkriminalität in dem karibischen Land einzudämmen. Während unklar ist, wann die volle Truppe, die voraussichtlich bis zu 2.500 Polizeibeamte umfassen wird, zum Einsatz kommen wird, gilt die Ankunft des ersten internationalen Polizeikontingents als erster von mehreren Meilensteinen im Prozess der Wiederherstellung von Sicherheit und Stabilität in Haiti.
Bis September 2024 war ein Vorauskontingent von etwa 430 Einsatzkräften der MSS nach Haiti entsandt worden, darunter 410 speziell ausgebildete Polizeibeamte, von denen 383 aus Kenia, 25 aus Jamaika und zwei aus Belize stammten. Kenia hatte angekündigt, im November weitere 600 Sicherheitskräfte nach Haiti zu entsenden, aber nur etwa 200 Verstärkungstruppen trafen im Januar 2025 ein. Im Januar 2025 wurde außerdem ein Kontingent von Polizeibeamten aus Guatemala und El Salvador nach Haiti entsandt, darunter Berichten zufolge 150 Guatemalteken und 150 Salvadorianer. Die Gesamtzahl der entsandten Polizeikräfte überstieg damit 900.
Im Juli 2025 war die MSS-Mission jedoch aufgrund von Finanzierungs- und Personalknappheit zu weniger als 30 Prozent einsatzfähig, wobei nur 991 Kräfte entsandt wurden, weit weniger als die erwarteten 2.500. Am 1. Oktober 2024 hatte der UN-Sicherheitsrat einer einjährigen Verlängerung der Multinationalen Sicherheitsunterstützungsmission zugestimmt, um der bedrängten nationalen Polizei Haitis bei der Bekämpfung von Banden in dem von Gewalt geplagten Karibikstaat zu helfen. Resolution 2751 (2024) verlängerte die Mission bis zum 2. Oktober 2025.
Am 30. September 2025 vollzog der Sicherheitsrat einen wichtigen Schritt zur Bewältigung der eskalierenden Krise in Haiti, indem er eine Resolution zur Umwandlung der MSS-Mission in eine multinationale Truppe zur Bekämpfung der Banden (Gang Suppression Force, GSF) verabschiedete. Mit 12 Ja-Stimmen und 3 Enthaltungen seitens China, Pakistan und Russland ermächtigte das Gremium die UN-Mitgliedstaaten, die GSF in enger Zusammenarbeit mit der haitianischen Regierung für einen Zeitraum von zunächst 12 Monaten einzurichten.
Die neue Mission zielt darauf ab, Banden, die weiterhin die Zivilbevölkerung und die Menschenrechte bedrohen sowie die haitianischen Institutionen untergraben, „zu neutralisieren, zu isolieren und abzuschrecken”. Die Resolution 2793 (2025) gewährt den teilnehmenden Staaten die Freiheit, entweder unabhängig oder gemeinsam mit der haitianischen Nationalpolizei (HNP) und den haitianischen Streitkräften gezielte, auf Geheimdienstinformationen basierende Operationen durchzuführen – eine wesentliche Neuerung. Die GSF wird aus bis zu 5.550 Mitarbeitern bestehen, darunter 5.500 uniformierte Militär- und Polizeikräfte sowie 50 Zivilisten.
Der Sicherheitsrat forderte außerdem UN-Generalsekretär António Guterres auf, ein UN-Unterstützungsbüro in Haiti (UNSOH) einzurichten, um in erster Linie die neue Truppe, das Integrierte Büro der Vereinten Nationen in Haiti (BINUH), die HNP und die haitianischen Streitkräfte zu unterstützen. Obwohl die MSS es der haitianischen Polizei ermöglichte, wieder Zugang zu bestimmten Gebieten und Infrastrukturen zu erhalten, gelang es ihr nicht, die Lage nachhaltig zu stabilisieren.
Im Hinblick auf die Krise der politischen Institutionen des Landes gab es im Jahr 2024 einige ermutigende Entwicklungen.
Am 11. März 2024 kündigte der nicht gewählte Premierminister Henry seinen Rücktritt an. Nach seinem Rücktritt sollte ein Übergangsrat die Macht übernehmen. Der Vorschlag für einen Übergangsrat, der das von Gewalt geplagte Haiti regieren sollte, kam bei einem Treffen der Karibischen Gemeinschaft (CARICOM) auf. Der Rat sollte einen Interimspremierminister auswählen und die nächsten Präsidentschaftswahlen vorbereiten sowie einen inklusiven Ministerrat ernennen. Die Interimsregierung wird bis zur Abhaltung von Neuwahlen im Amt bleiben.
Am 12. April 2024 wurde ein offizielles Dekret zur Einsetzung des präsidialen Übergangsrats (TPC) veröffentlicht. Am 25. April wurde der Übergangsrat eingesetzt und der ehemalige Finanzminister Michel Patrick Boisvert zum Interimspremierminister ernannt. Ariel Henry trat als Premierminister zurück. Am 28. Mai 2024 wurde Garry Conille zum neuen Premierminister des Karibikstaates ernannt. Am 11. Juni 2024 setzte der Übergangsrat Haitis ein neues Kabinett ein.
Am 12. November 2024 wurde Alix Didier Fils-Aimé als neuer Premierminister vereidigt und löste damit den scheidenden Premierminister Conille ab, der in einen Machtkampf mit dem Übergangspräsidialrat des Landes geraten war. Der Rat entließ Conille im Zuge politischer Machtkämpfe und Korruptionsvorwürfen gegen mehrere TPC-Mitglieder.
Trotz Anzeichen für politische Fortschritte ist Haiti weiterhin von Unsicherheit geprägt, wobei internationale Unterstützung als entscheidend für die Durchführung der lange aufgeschobenen Wahlen angesehen wird. Während die Gang Suppression Force (GSF) mit ihrem schrittweisen Einsatz beginnt und die Multinational Security Support (MSS)-Mission ihren Abzug vorbereitet, warnen UN-Vertreter, dass es von der weiteren Entwicklung der Sicherheitslage abhängt, ob die jüngsten Fortschritte Bestand haben werden.
Nach Einschätzung der Vereinten Nationen benötigt Haiti eine Kombination aus einer verstärkten nationalen Polizei, der raschen Entsendung der multinationalen Unterstützungstruppe und glaubwürdigen Wahlen, um das Land wieder auf den Weg der Sicherheit und Stabilität zu bringen. Die andauernde Gewalt im Land hat die ohnehin schon verheerenden Lebensbedingungen für Millionen von Menschen, vor allem in der Hauptstadt Port-au-Prince, weiter verschärft. UN-Vertreter warnen, dass die Krise landesweit eskaliert und die Gefahr eines totalen Staatszerfalls wächst.
Spenden
Ihre Spende für die Nothilfe in Haiti kann dazu beitragen, dass die Organisationen der Vereinten Nationen, internationale humanitäre Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und ihre Partner vor Ort den Menschen, die es am nötigsten brauchen, rasch Wasser, Nahrungsmittel, Medikamente, Unterkünfte und andere Hilfsgüter zur Verfügung stellen können.
- UN-Krisenhilfe: Haiti Humanitarian Fund
https://crisisrelief.un.org/t/haiti-humanitarian-fund - Welternährungsprogramm (WFP): Haiti Krise
https://de.wfp.org/krisen/haiti - UNICEF Deutschland: Spenden Haiti
https://www.unicef.de/informieren/projekte/suedamerika-mittelamerika-7082/haiti-19502 - medico international: Nothilfe Haiti
https://www.medico.de/nothilfe-haiti - Diakonie Katastrophenhilfe: Haiti
https://www.diakonie-katastrophenhilfe.de/projekte/haiti - Welthungerhilfe: Spenden Haiti
https://www.welthungerhilfe.de/spenden-haiti
Sie können auch eine nicht zweckgebundene Spende in Betracht ziehen an humanitäre Organisationen, welche in Haiti aktiv sind.
- UN-Krisenhilfe: Zentraler Nothilfefonds
https://crisisrelief.un.org/t/cerf - Ärzte ohne Grenzen: Haiti
https://www.aerzte-ohne-grenzen.de/unsere-arbeit/einsatzlaender/haiti
Weitere Organisationen, an die Sie spenden können, finden Sie unter: Humanitäre Krisenhilfe, Flucht und Vertreibung, Kinder in Not, Hunger und Ernährungsunsicherheit, Medizinische Nothilfe, Vulnerable Gruppen, Glaubensbasierte humanitäre Organisationen und Menschenrechtsorganisationen.
Weitere Informationen
- International Crisis Group: Haiti (in Englisch)
https://www.crisisgroup.org/latin-america-caribbean/haiti - European Civil Protection and Humanitarian Aid Operations: Haiti (in Englisch)
https://civil-protection-humanitarian-aid.ec.europa.eu/where/latin-america-and-caribbean/haiti_en - Human Rights Watch World Report 2023: Haiti (in Englisch)
https://www.hrw.org/world-report/2023/country-chapters/haiti - ACAPS: Haiti (in Englisch)
https://www.acaps.org/country/haiti/crisis/complex-crisis - United Nations Integrated Office in Haiti (BINUH) (in Englisch)
https://binuh.unmissions.org/en - Human Rights Watch World Report 2026: Haiti (in Englisch)
https://www.hrw.org/world-report/2026/country-chapters/haiti - Human Rights Watch World Report 2025: Haiti (in Englisch)
https://www.hrw.org/world-report/2025/country-chapters/haiti - Human Rights Watch World Report 2024: Haiti (in Englisch)
https://www.hrw.org/world-report/2024/country-chapters/haiti - Amnesty International: Report 2025/2026: Human rights in Haiti (in Englisch)
https://www.amnesty.org/en/location/americas/central-america-and-the-caribbean/haiti/report-haiti/
Zuletzt aktualisiert: 29/05/2026