Mindestens 139 Menschen, unter ihnen auch Kinder, sind ums Leben gekommen, nachdem ihr Boot vor Dschibuti gekentert ist, berichtete die Internationale Organisation für Migration (IOM) am Sonntag. Weitere 84 Frauen, Männer und Kinder werden weiterhin vermisst. Die Zahl der Todesopfer ist von ursprünglich 109 Personen auf 139 gestiegen, nachdem 30 weitere Leichen geborgen wurden und die Such- und Rettungsmaßnahmen weiterhin andauern.
Nach Angaben der IOM waren 305 Migranten* auf dem Weg aus Dschibuti in den Jemen, als das Schiff in der Nacht vom 8. auf den 9. Oktober in der Nähe von Guehere, nördlich von Obock, kenterte. Es handelt sich um eines der tödlichsten Schiffsunglücke, die jemals auf der Ostroute verzeichnet wurden.
„Niemand steigt in ein solches Boot, wenn er nicht glaubt, dass es keinen anderen sicheren Weg gibt“, sagte IOM-Generaldirektorin Amy Pope.
„Wir dürfen diese Todesfälle nicht länger als normal hinnehmen. Sichere und legale Wege retten Leben. Ich fordere Regierungen und Geber auf, zu handeln, bevor das nächste Boot untergeht.“
Nothilfe und lokale Unterstützung
Die djiboutischen Behörden setzen die Such- und Rettungsmaßnahmen fort, während die Sorge um die weiterhin Vermissten wächst. Gleichzeitig leisten die lokalen Behörden medizinische Versorgung für die Überlebenden und ermöglichen den Verstorbenen ein würdiges Begräbnis.
Die IOM betreut viele der Überlebenden in ihrem Migrant Response Centre (MRC) in Obock und bietet ihnen medizinische Versorgung, psychosoziale Betreuung, Schutzmaßnahmen, vorübergehende Unterbringung, Nahrungsmittelhilfe sowie Unterstützung bei der Wiederherstellung des Kontakts zu ihren Familien.
„Dies ist ein verheerender Verlust an Menschenleben. Unsere Gedanken sind bei den Überlebenden und den Familien, die Angehörige verloren haben oder nach wie vor keine Nachrichten von ihren Verwandten erhalten“, sagte Alexandre Coissac, IOM-Missionsleiter in Dschibuti.
„Unsere Teams sind vor Ort gemeinsam mit den lokalen Behörden im Einsatz, um Nothilfe zu leisten. Diese Tragödie macht auf drastische Weise deutlich, welchen Gefahren Migranten auf diesem Migrationskorridor ausgesetzt sind, während sie nach wirtschaftlichen Chancen suchen.“
Während die IOM alle Personen auf dieser Route unter ihrer weit gefassten institutionellen Definition von „Migranten“ erfasst – ein Sammelbegriff, den die Organisation unabhängig davon verwendet, ob die Bewegung einer Person freiwillig oder erzwungen ist –, betonen Experten, dass dieser Korridor auch von Flüchtlingen und Asylsuchenden genutzt wird, die vor aktiven Konflikten, Gewalt und Verfolgung am Horn von Afrika fliehen.
Die Gefahren der Ostroute
Jedes Jahr passieren Zehntausende Migranten, Flüchtlinge und Asylsuchende aus dem Horn von Afrika Dschibuti und überqueren die Meerenge von Bab el-Mandeb in Richtung Jemen, in der Hoffnung, die Golfstaaten zu erreichen, um dort Sicherheit, Stabilität oder Arbeit zu finden. Unsicherheit, Armut und die zunehmenden Auswirkungen des Klimawandels treiben viele dazu, diese Reise anzutreten – trotz der wachsenden Instabilität im gesamten Nahen Osten.
Ungeachtet der eskalierenden Gewalt im Jemen begeben sich verzweifelte Menschen weiterhin auf diese gefährlichen Reisen, in der Hoffnung, einen Weg in einen der Golfstaaten zu finden. Seit dem 10. September wurden von der „Displacement Tracking Matrix“ der IOM mehr als 20.000 Menschen registriert, die aus Äthiopien nach Dschibuti gelangt sind.
Diese tragische Schiffskatastrophe spielt sich zudem vor dem Hintergrund einer sich verschärfenden Krise in Äthiopien ab. Seit Ende September wird der Norden Äthiopiens von großflächigen Kämpfen heimgesucht – insbesondere in den Regionen Tigray und Amhara.
Die Überfahrt über das Meer ist hierbei nur ein Teil der Gefahr. Wer den Jemen erreicht, ist erheblichen Risiken wie Gewalt, willkürlichen Festnahmen und Inhaftierungen, Ausbeutung sowie Menschenhandel ausgesetzt.
Gleichzeitig fliehen Menschen vor den Kämpfen im Jemen selbst: Seit September 2026 haben etwa 4.000 Jemeniten auf der Suche nach Sicherheit per Boot Dschibuti erreicht.
Da die Menschenbewegungen entlang der Ostroute anhalten, sind die betroffenen Menschen in jeder Phase ihrer Reise weiterhin schweren Risiken ausgesetzt. Dies unterstreicht, dass das Überleben der Überfahrt nicht zwangsläufig bedeutet, Sicherheit zu erreichen – speziell angesichts der aktuellen Unsicherheit und der humanitären Lage im Jemen.
Angesichts wachsender Bedarfe und begrenzter finanzieller Mittel fordert die IOM Geber und Partner nachdrücklich auf, die Unterstützung für die Maßnahmen in Dschibuti – einschließlich Such- und Rettungsaktionen sowie lebensrettender Hilfe – zu verstärken, und plädiert gleichzeitig für den Ausbau sicherer Wege, um die Risiken für die Menschen, die diese Reisen auf sich nehmen, zu verringern.
*Anmerkung der Redaktion
Die IOM definiert den Begriff „Migrant“ als Sammelbegriff für jede Person, die ihren gewöhnlichen Wohnort verlässt, sei es über eine internationale Grenze hinweg oder innerhalb eines Staates, unabhängig vom rechtlichen Status der Person, davon, ob die Migration freiwillig oder unfreiwillig erfolgt, was die Migration verursacht oder wie lange der Aufenthalt dauert.
DONARE vermeidet die Verwendung des Begriffs „Migrant“ als Sammelbegriff für alle Personen, die ihren gewöhnlichen Wohnort verlassen, unabhängig von den Gründen, da dies rechtlich und sachlich unangemessen ist. Personen, die Flüchtlinge sind oder voraussichtlich Asyl beantragen werden, sollten als solche bezeichnet werden, und der Begriff „Migrant“ sollte nicht als Ersatzbegriff für alle Menschen verwendet werden, die Grenzen mit der Absicht überschreiten, in einem anderen Land dauerhaft zu bleiben.
Nach internationalem Recht haben Flüchtlinge bestimmte Rechte, darunter das Recht, in einem anderen Land Asyl zu beantragen, das Recht auf Schutz und Hilfe sowie das Recht, nicht in ein Land zurückgeschickt zu werden, in dem ihnen Verfolgung oder Schaden droht. Migranten sind hingegen nur durch die internationalen Menschenrechtsstandards geschützt.
Dennoch erdulden viele Migranten unaussprechliche Entbehrungen und gehen lebensbedrohliche Risiken ein, um ihr Heimatland zu verlassen und ein Zielland zu erreichen. Einige Gruppen von Migranten benötigen humanitäre Hilfe und Schutz, darunter Menschen, die vor Hunger, extremer Armut oder Klimakatastrophen fliehen, sowie diejenigen, die lebensbedrohliche Risiken eingehen, um ein Zielland zu erreichen.
Der Begriff "gemischte Bewegungen" umschreibt grenzüberschreitende Bevölkerungsbewegungen, zu denen insbesondere Flüchtlinge, Opfer von Menschenhandel, Staatenlose und Migranten gehören. Bisweilen auch als „gemischte Migration“ bezeichnet, unterstreicht dieses Konzept die Komplexität menschlicher Bevölkerungsbewegungen und die Notwendigkeit, die vielfältigen Beweggründe für den Aufbruch aus einem Land in ein anderes zu verstehen und darauf angemessen zu reagieren.