Mehr als vier Millionen Menschen sind auf der Flucht, während die Vereinigten Staaten und Israel ihren Krieg gegen den Iran fortsetzen und damit eine sich rasch verschärfende humanitäre Krise im gesamten Nahen Osten ausgelöst haben. Hilfsorganisationen warnen, dass der Konflikt bereits Tausende von zivilen Toten und Verletzten gefordert hat, sowie zur weitreichenden Zerstörung von Wohnhäusern und Infrastruktur und zu zunehmenden Engpässen bei der Versorgung mit lebenswichtigen Gütern geführt hat.
Seit Beginn der US-israelischen Bombardements am 28. Februar haben die eskalierenden Feindseligkeiten mehrere Länder in der Region erfasst. Der Iran und der Libanon sind am stärksten betroffen, wobei die Zivilbevölkerung die Hauptlast der Gewalt trägt. Humanitäre Organisationen geben an, dass der Konflikt mehr als ein Dutzend Länder direkt in Mitleidenschaft gezogen hat, was Befürchtungen vor einer umfassenderen regionalen Krise mit weitreichenden Folgen für die Zivilbevölkerung schürt.
Die Zahl der Opfer des Krieges gegen den Iran steigt rapide an. Vorläufige offizielle Zahlen deuten darauf hin, dass seit Kriegsbeginn mehr als 2.200 Menschen im Iran und im Libanon durch US-amerikanische und israelische Streitkräfte getötet wurden. Die genaue Opferzahl lässt sich aufgrund von Kommunikationsstörungen und eingeschränktem Zugang zu betroffenen Gebieten nach wie vor nur schwer überprüfen.
Im Iran wurden seit Ende Februar bei Angriffen der Vereinigten Staaten und Israels mindestens 1.444 Menschen getötet und über 18.550 verletzt. Im Libanon, wo Israel am 2. März mit Angriffen begonnen hat, melden die Behörden 773 Tote und 1.933 Verletzte. Unter den Toten befinden sich 103 Kinder, weitere 326 wurden verletzt.
Die tatsächlichen Zahlen dürften weitaus höher liegen, da Rettungskräfte weiterhin beschädigte Gebäude durchsuchen und Krankenhäuser Mühe haben, den Ansturm der Verletzten zu bewältigen.
Millionen Vertriebene im Iran
Nach Angaben des Flüchtlingshilfswerks der Vereinten Nationen (UNHCR) wurden bis zu 3,2 Millionen Menschen innerhalb des Iran vertrieben. Rechnet man die Vertriebenen in den Nachbarländern hinzu, gehen Hilfsorganisationen davon aus, dass die Gesamtzahl der durch den anhaltenden Konflikt vertriebenen Menschen vier Millionen übersteigt.
Die meisten Familien fliehen aus Teheran und anderen großen Ballungszentren und begeben sich auf der Suche nach Sicherheit in die nördlichen Provinzen nahe dem Kaspischen Meer sowie in ländliche Gebiete. Daten zum Fahrzeugverkehr deuten darauf hin, dass Anfang März mehr als 400.000 Fahrzeuge aus den vom Konflikt stark betroffenen Städten in die nördlichen Provinzen einfuhren.
Flüchtlingsfamilien, die bereits im Iran leben – viele von ihnen stammen aus Afghanistan –, gehören zu den am stärksten gefährdeten Gruppen. Angesichts begrenzter Ressourcen und schwacher Unterstützungsnetzwerke sehen sich viele nun mit wachsender Unsicherheit und eingeschränktem Zugang zu Nahrungsmitteln, Gesundheitsversorgung und Unterkünften konfrontiert.
Am Freitag erklärte Babar Baloch, Sprecher des UNHCR, gegenüber Journalisten in Genf, dass die Lage zwar weiterhin unbeständig sei, Hilfsorganisationen jedoch bislang keine großen Flüchtlingsströme aus dem Iran beobachtet hätten.
Berichten zufolge haben jedoch mehr als 100.000 Menschen die Grenze vom Libanon nach Syrien überquert – die Mehrheit davon sind syrische Staatsangehörige, die in ihr Land zurückkehren –, während im Libanon selbst mehr als 800.000 Menschen innerhalb des Landes vertrieben wurden.
Weitreichende Zerstörungen in iranischen Städten
Humanitäre Organisationen berichten von erheblichen Schäden an der zivilen Infrastruktur im Iran, insbesondere in dicht besiedelten Gebieten. Vorläufige Schätzungen deuten darauf hin, dass fast 22.000 zivile Gebäude beschädigt wurden, darunter über 17.000 Wohnhäuser. Mehr als 4.000 Geschäftsgebäude sind betroffen, und mindestens 120 Schulen sollen zerstört worden sein.
Einwohner von Teheran berichten von unerbittlichen Bombardements, zerstörten Straßen und weitreichender Zerstörung. Familien in den betroffenen Städten finden beim Erwachen zerstörte Häuser und beschädigte Infrastruktur vor und sehen sich wachsender Unsicherheit gegenüber, während Tausende bereits zur Flucht gezwungen wurden. Viele Familien suchen nun Zuflucht in Hotels, Notunterkünften und Gemeindezentren.
Humanitäre Organisationen warnen vor einer sich verschärfenden Krise
Am Freitag erklärte Zoe Brennan, Sprecherin der Internationalen Organisation für Migration (IOM), gegenüber Journalisten in Genf, dass der eskalierende Konflikt das zivile Leben im gesamten Iran schwer beeinträchtigt habe.
Die Migrationsorganisation beobachtet Bevölkerungsbewegungen und mobilisiert Hilfsgüter, um den Menschen in Not zu helfen. Brennan betonte, dass eine Deeskalation des Konflikts nach wie vor entscheidend sei, um weiteres menschliches Leid zu verhindern.
Die IOM unterstützt organisierte Evakuierungen und die Rückkehr von Migranten mit Systemen, die Transport, vorübergehende Unterbringung und medizinische Begleitung gewährleisten. Laut offiziellen Angaben schränken jedoch derzeit fehlende Finanzmittel und logistische Herausforderungen diese Bemühungen ein.
Hilfsmaßnahmen unter Druck
Am Donnerstag warnte das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA), dass der eskalierende Konflikt das Leid der Zivilbevölkerung in einer Region zu verschärfen droht, die ohnehin schon mit einigen der weltweit schwersten humanitären Krisen zu kämpfen hat. Der Konflikt belastet zudem die humanitären Systeme im gesamten Nahen Osten und über dessen Grenzen hinaus erheblich.
Die Instabilität rund um die Straße von Hormus, eine wichtige Wasserstraße, über die normalerweise humanitäre Hilfslieferungen transportiert werden, beeinträchtigt ebenfalls die Hilfsmaßnahmen. Humanitäre Organisationen warnen, dass sich der humanitäre Bedarf in mehreren Ländern in den kommenden Wochen dramatisch erhöhen könnte, sollte sich der Konflikt weiter verschärfen.
UNHCR-Vertreter Baloch betonte am Freitag, dass sich auch humanitäre Helfer in der gesamten Region in einer schwierigen Lage befinden, da sie stark von dem eskalierenden Konflikt betroffen sind.
Gefahr eines größeren regionalen Konflikts
Analysten warnen, dass sich der Krieg weiter ausbreiten könnte, wenn er nicht rasch eingedämmt wird. Aus dem Irak wurden bereits Luftangriffe und Drohnenvorfälle gemeldet. Während die israelischen Angriffe auf den Libanon weiter eskalieren, beschießen bewaffnete Gruppen entlang der libanesischen Grenze weiterhin israelisches Gebiet mit Raketen.
Humanitäre Organisationen befürchten, dass der Konflikt, von dem mehr als ein Dutzend Länder direkt betroffen sind, zu einer größeren regionalen Krise mit noch schwerwiegenderen Folgen für die Zivilbevölkerung führen könnte. Vorerst betonen die Hilfsorganisationen, dass der Schutz der Zivilbevölkerung und der Zugang für humanitäre Hilfe oberste Priorität haben müssen.