Während sich die humanitäre Lage im Libanon täglich verschlechtert, melden die Gesundheitsbehörden, dass seit dem 2. März mindestens 1.116 Menschen bei israelischen Angriffen getötet und über 3.000 verletzt wurden. Unterdessen nimmt die Zahl der Vertriebenen weiter zu: Mehr als ein Fünftel der Bevölkerung, über 1,2 Millionen Menschen, wurden aus ihrer Heimat vertrieben.
Über 130.000 Menschen, darunter mehr als 46.000 Kinder, haben derzeit in über 600 Sammelunterkünften im ganzen Land Zuflucht gefunden. Berichten zufolge sind Zehntausende Syrer angesichts der anhaltenden Gewalt nach Syrien geflohen, um den eskalierenden israelischen Militäraktionen im Libanon zu entkommen.
Mehr als drei Wochen nach Beginn des Krieges der USA und Israels gegen den Iran eskaliert der Konflikt weiter und trifft die Zivilbevölkerung im gesamten Nahen Osten unverhältnismäßig hart, wobei die Menschen im Libanon im Epizentrum des weiterreichenden Konflikts stehen.
In einem am Mittwoch veröffentlichten Bericht zur humanitären Lage warnte das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA), dass sich die Feindseligkeiten in mehreren Regionen des Libanon verschärfen und die humanitäre Lage weiter zuspitzen.
Seit Beginn der militärischen Eskalation erstrecken sich die Vertreibungsbefehle Schätzungen auf fast 1.500 Quadratkilometer – etwa 14 Prozent des libanesischen Staatsgebiets – und betreffen weite Teile des Südlibanon, die südlichen Vororte von Beirut und Teile des Bekaa-Tals.
Israelische Luftangriffe treffen den Libanon weiterhin mit voller Wucht und verursachen unablässig Todesfälle und Verletzte unter der Zivilbevölkerung. Die Luftangriffe haben zu weitreichenden Zerstörungen der zivilen Infrastruktur geführt, darunter Wohnhäuser und lebenswichtige Versorgungsdienste. Schlüsseleinrichtungen wurden beschädigt, wodurch der Zugang zu Gesundheitsversorgung, Wasser und Strom unterbrochen wurde.
Es wird von Angriffen im gesamten Libanon berichtet, darunter Luftangriffe auf die südlichen Vororte von Beirut, die auf Zwangsvetreibungen in mehreren Stadtvierteln folgten. Im Südlibanon haben israelische Streitkräfte mehrere wichtige Übergänge über den Litani-Fluss angegriffen und zerstört, wodurch die Bewegungsfreiheit der Menschen eingeschränkt und die Lieferung humanitärer Hilfe an diejenigen behindert wird, die vor der Gewalt fliehen.
In den südlichen Vororten von Beirut, im Südlibanon und in der Bekaa-Region dauern die Zusammenstöße und Militäroperationen an. Entlang der Blue Line wurden in Gebieten wie Khiam, Naqoura, Taybeh und Markaba Vorfälle mit Artilleriefeuer und Bodenangriffen verzeichnet.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) meldet 77 Angriffe auf medizinisches Personal, bei denen 53 Menschen ums Leben kamen und 117 verletzt wurden. Die WHO berichtet zudem, dass mindestens 50 medizinische Grundversorgungszentren und fünf Krankenhäuser aufgrund des anhaltenden Konflikts geschlossen wurden, während neun Krankenhäuser und vier medizinische Grundversorgungszentren beschädigt wurden.
Israelische Angriffe auf medizinische Einrichtungen setzen das fragile Gesundheitssystem des Libanon zusätzlich unter Druck und stellen ein erhöhtes Risiko für medizinisches Personal dar, das lebensrettende Versorgung leistet. Humanitäre Organisationen fordern weiterhin alle Parteien nachdrücklich auf, Zivilisten, zivile Infrastruktur, humanitäres Personal und Gesundheitspersonal zu schützen.
Angriffe auf zivile Objekte oder Infrastruktur, die für die Zivilbevölkerung unverzichtbar ist, stellen schwerwiegende Verstöße gegen das humanitäre Völkerrecht dar und gelten als Kriegsverbrechen. Das Kriegsrecht ist eindeutig: Objekte, die der Versorgung der Zivilbevölkerung dienen, können nicht als militärische Ziele eingestuft werden.
Derweil verstärken die Vereinten Nationen und ihre humanitären Partner in enger Abstimmung mit nationalen und lokalen Behörden weiterhin ihre Nothilfe. Die Beschädigung wichtiger Transportwege schränkt jedoch den Zugang für humanitäre Hilfe erheblich ein, behindert die Lieferung lebenswichtiger Güter und schränkt die Möglichkeit der Zivilbevölkerung ein, sich sicher zu bewegen.
Bis Mittwoch hat das Welternährungsprogramm (WFP) etwa zwei Millionen warme und kalte Mahlzeiten sowie 45.000 Essenspakete verteilt. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat mehr als 115.000 Decken und über 95.000 Matratzen ausgegeben.
Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) hat Zehntausende Hygiene- und Menstruationssets sowie über 840.000 Liter Trinkwasser in Flaschen und 14.000 Kubikmeter Wasser per Lkw bereitgestellt. Darüber hinaus wurden mehr als 485.000 Liter Treibstoff geliefert, um die Wasserversorgung für über 400.000 Menschen aufrechtzuerhalten.
Die Europäische Kommission hat drei Flüge im Rahmen der humanitären Luftbrücke der EU koordiniert, um Hilfsgüter zu liefern, darunter medizinische Hilfsgüter, Hygieneartikel und Lebensmittel aus den eigenen Beständen der Europäischen Union sowie von mehreren Partnern wie UN-Organisationen, dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz, dem Deutschen Roten Kreuz und Ärzte ohne Grenzen.
„Mit unseren humanitären Luftbrücken der EU verstärken wir unsere Anstrengungen, um die am stärksten gefährdeten Menschen schnell zu erreichen“, erklärte die EU-Kommissarin für Gleichstellung, Katastrophenvorsorge und Krisenmanagement, Hadja Lahbib, am Donnerstag in einer Stellungnahme.
„Die EU wird gemeinsam mit unseren Mitgliedstaaten und Partnern weiterhin lebensrettende Hilfe leisten. Wir stehen in dieser schwierigen Zeit fest an der Seite der Menschen im Libanon. Dieser Krieg muss enden.“
Trotz dieser Bemühungen wird die humanitäre Hilfe stark durch den eingeschränkten Zugang zu schwer erreichbaren Gebieten, die Schließung wichtiger Versorgungseinrichtungen, die Überlastung der Kapazitäten der Hilfsorganisationen und Finanzierungslücken erschwert.
Der am 13. März gestartete Nothilfeaufruf für den Libanon zielt darauf ab, 308 Millionen US-Dollar aufzubringen, um in den nächsten drei Monaten bis zu einer Million Menschen zu unterstützen. Bislang sind nur knapp ein Drittel der angeforderten Mittel, insgesamt 91 Millionen US-Dollar, eingegangen.
Hilfsorganisationen benötigen dringend zusätzliche Finanzmittel, um lebenswichtige Hilfsgüter wie Nahrung, Medikamente und Unterkünfte für die Soforthilfe im Libanon bereitzustellen und die bestehenden Hilfsdienste für die betroffene Bevölkerung zu unterstützen. Humanitäre Organisationen stehen vor enormen Herausforderungen, angesichts der weitreichenden Zerstörungen und der überlasteten öffentlichen Versorgungsdienste.
Der Libanon befindet sich nach massiven israelischen Luftangriffen und Bodenoperationen seit dem 2. März in einer sich rapide verschärfenden humanitären Notlage. Auslöser hierfür war eine umfassendere regionale Eskalation nach dem Beginn eines Krieges der USA und Israels gegen den Iran am 28. Februar und nachfolgenden Raketen- und Drohnenangriffen der bewaffneten Gruppe Hisbollah.
Schon vor dieser jüngsten Verschärfung der Lage hatten die Kampfhandlungen im Libanon zwischen September und November 2024 stark zugenommen, als Tausende israelischer Luftangriffe auf libanesischem Gebiet erhebliche zivile Opfer und Massenfluchtbewegungen verursachten.