Laut den neuesten Daten zur Ernährungssicherheit, die am Mittwoch veröffentlicht wurden, leiden Millionen Menschen in ganz Somalia weiterhin unter akutem Hunger, und die akute Mangelernährung bei Kindern wird sich in den kommenden Monaten voraussichtlich weiter verschlimmern. Organisationen der Vereinten Nationen und die somalische Regierung warnen, dass Mittelknappheit und Überschwemmungen im Zusammenhang mit dem erwarteten El-Niño-Phänomen die Lage von Oktober bis Dezember 2026 voraussichtlich verschärfen werden.
Die jüngste Analyse zur Ernährungssicherheit im Rahmen der Integrierten Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphasen (IPC) prognostiziert, dass zwischen Oktober und Dezember 2026 5,4 Millionen Menschen von einer Hungerkrise oder schlimmeren Zuständen betroffen sein werden, darunter 1,5 Millionen Menschen, die unter einer Hungernotlage (IPC4) leiden, sowie fast 26.000 Binnenvertriebene in der Region Bay, die vermutlich von katastrophalen Zuständen (IPC5) betroffen sein werden – ihnen droht Verhungern und die Aussicht auf eine Hungersnot.
Der neuen IPC-Analyse zur Unterernährung zufolge, die ebenfalls am Mittwoch veröffentlicht wurde, benötigen in den kommenden Monaten etwa 1,92 Millionen Kinder unter fünf Jahren eine Behandlung wegen akuter Unterernährung, darunter 433.000 Kinder mit schwerer akuter Unterernährung.
Schwere akute Unterernährung (SAM) kann innerhalb weniger Wochen tödlich verlaufen, wenn sie unbehandelt bleibt. Kinder, die an SAM leiden, benötigen eine sofortige, intensive Behandlung, da sie extrem anfällig für lebensbedrohliche Komplikationen sind. Unterernährung schwächt zudem das Immunsystem, wodurch Kinder anfälliger für Infektionskrankheiten werden.
Die IPC-Einschätzung zeigt, dass sich die akute Unterernährung im Bezirk Burhakaba in der Region Bay seit April dank der Gu-Regenfälle und verstärkter humanitärer Hilfsmaßnahmen verbessert hat. Die aktuelle Analyse weist jedoch auf eine Hungersnotgefahr in Baidoa hin, ebenfalls in der Region Bay, wo Binnenvertriebene unter katastrophalem Hunger und kritischer Unterernährung leiden.
„Die humanitäre Krise in Somalia ist nach wie vor dramatisch, und Millionen von Menschen sind aufgrund des hohen Ausmaßes an Hunger und Unterernährung gefährdet“, sagte George Conway, humanitärer Koordinator für Somalia.
„Die prognostizierte Gefahr von Überschwemmungen im Zusammenhang mit El Niño wird die ohnehin schon fragilen Lebensgrundlagen weiter untergraben, gefährdete Gemeinschaften vertreiben und das Krankheitsrisiko erhöhen. Wir fordern dringende Maßnahmen und zusätzliche Ressourcen, um Leben zu schützen, die Vorsorge zu stärken und eine weitere Verschärfung dieser Krise zu verhindern.“
Der Zeitraum von Oktober bis Dezember 2026 birgt das höchste Risiko, da starke, durch El Niño verursachte Regenfälle voraussichtlich zu Überschwemmungen führen werden. Diese Überflutungen werden wahrscheinlich die ländlichen Flussgemeinden und agro-pastoralen Gemeinschaften am härtesten treffen, Ernten und Viehbestände zerstören und Haushalte von Märkten und Einkommensquellen abschneiden, was neue Vertreibungswellen auslösen könnte.
Nach Angaben der somalischen Katastrophenschutzbehörde (SODMA) könnten etwa 2,5 bis 3,5 Millionen Menschen Überschwemmungen ausgesetzt sein. Eine Million dieser Menschen wird voraussichtlich aus den Gebieten vertrieben, in denen sie Landwirtschaft betreiben und Vieh weiden lassen, was die ohnehin schon kritische Hungersituation weiter zuspitzen wird.
„Wir sind zutiefst besorgt über die sich verschlechternde Lage hinsichtlich Ernährungsunsicherheit und Unterernährung, insbesondere angesichts der Vorbereitungen auf die möglichen Auswirkungen von El Niño“, sagte Mohamuud Moallim Abdullahi, SODMA-Kommissar.
„Die Regierung arbeitet eng mit humanitären Partnern und staatlichen Behörden zusammen, um die vielfältigen Krisen zu bewältigen, mit denen Somalia konfrontiert ist. Wir fordern alle Partner und Geber nachdrücklich auf, diese Bemühungen zu unterstützen, damit wir frühzeitig handeln, Leben und Lebensgrundlagen schützen und menschliches Leid lindern können.“
Die somalische Regierung und UN-Organisationen, darunter UNICEF, die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und das Welternährungsprogramm (WFP), fordern sofortige Maßnahmen, um die Kontinuität der allgemeinen Nahrungsmittelversorgung zu sichern sowie Bargeldhilfen bereitzustellen und schwere und mittelschwere akute Unterernährung zu behandeln.
„Familien, die bereits unter Hunger leiden, können es sich nicht leisten, ihre Ernten oder ihr Vieh durch Überschwemmungen zu verlieren“, sagte Etienne Peterschmitt, der FAO-Vertreter in Somalia.
„Es werden dringend Finanzmittel benötigt, um Frühwarnungen in Maßnahmen umzusetzen, Leben zu retten, Lebensgrundlagen zu schützen und den raschen Wiederaufbau für die ländliche Bevölkerung zu unterstützen, während sich diese Krise weiter verschärft.“
Im gesamten Land gehören speziell die agro-pastoralen Gemeinschaften, die bereits durch aufeinanderfolgende schlechte Erntezeiten – darunter die unterdurchschnittlichen Gu-Regenfälle im Jahr 2026 – geschwächt sind, zu den am stärksten Betroffenen. Zwei Drittel der durch Unterernährung bedrohten Menschen leben in ländlichen Gebieten.
Während der Deyr-Saison (Oktober bis Dezember) wird erwartet, dass durch El Niño ausgelöste Überschwemmungen die bestehenden Schwachstellen verschärfen, die Nahrungsmittelproduktion stören und zu weiteren Vertreibungen, Ernährungsunsicherheit und Unterernährung führen werden.
Die für Oktober bis Dezember prognostizierten starken Regenfälle könnten 16 der 18 Regionen des Landes betreffen, insbesondere Hiraan, Middle Juba und Lower Juba. Das Ausmaß dieser Überschwemmungen könnte dem der Jahres 2023 und 1997 entsprechen oder dieses sogar übertreffen – den beiden schlimmsten Hochwasserereignissen in der Geschichte Somalias –, und sie könnten eintreten, bevor sich die Gemeinden von der lang anhaltenden Dürre dieses Jahres erholt haben.
Frühere Dürren, unregelmäßige Niederschläge, Unsicherheit und hohe Lebensmittelpreise sorgen weiterhin für einen enormen Bedarf, während rückläufige humanitäre Finanzmittel die Reaktionsfähigkeit humanitärer Organisationen einschränken.
„Millionen Menschen in ganz Somalia kämpfen darum, sich von Dürre, Unsicherheit und hohen Lebensmittelkosten zu erholen, wobei viele Familien die Ressourcen, auf die sie angewiesen waren, bereits aufgebraucht haben“, sagte Hameed Nuru, WFP-Vertreter und Länderdirektor in Somalia.
„Da die Überschwemmungen einen weiteren Schock zu verursachen drohen, bereitet sich das WFP auf die kommenden Monate vor, leistet Hilfe für die bedürftigsten Gemeinden und unterstützt frühzeitige Maßnahmen zum Schutz von Leben und Lebensgrundlagen.“
Von 2021 bis 2025 unterstützte UNICEF gemeinsam mit der Regierung und anderen Partnern über 2,25 Millionen Kinder, die an schwerer akuter Unterernährung litten, bei der Behandlung.
„Der rechtzeitige Zugang zu Behandlung hat Leben gerettet und den Kindern die Chance gegeben, sich zu erholen und sich gut zu entwickeln“, sagte Sandra Lattouf, UNICEF-Vertreterin in Somalia.
„Heute stehen diese lebenswichtigen Dienste aufgrund von Finanzierungsengpässen unter zunehmendem Druck.“
Der diesjährige Humanitäre Bedarfs- und Reaktionsplan für Somalia in Höhe von 852 Millionen US-Dollar ist derzeit lediglich zu 31 Prozent finanziert; bisher sind gerade einmal 262 Millionen US-Dollar eingegangen.
In diesem Zusammenhang forderte das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA) am Dienstag dringend zusätzliche Mittel, um die Vorsorge und frühzeitige Maßnahmen in Somalia im Vorfeld des El-Niño-Phänomens zu stärken, da sich das Zeitfenster für Vorbereitungen langsam schließt.
OCHA warnte zudem, dass Überschwemmungen, Vertreibungen und unzureichende sanitäre Verhältnisse das Risiko von Ausbrüchen wasserbedingter Krankheiten erhöhen könnten.
Mindestens 380 Gesundheitseinrichtungen wurden aufgrund von Finanzierungsengpässen bereits geschlossen oder arbeiten mit reduzierter Kapazität. Zudem wurden 115 mobile Gesundheitseinheiten stillgelegt, wodurch viele in abgelegenen und schwer erreichbaren Gebieten lebende Bevölkerungsgruppen keinen Zugang zu medizinischer Versorgung mehr haben.
Weitere Informationen
Volltext: Somalia: IPC-Übersicht über akute Ernährungsunsicherheit und Unterernährung, Juli – Dezember 2026, Integrierte Klassifizierung der Ernährungssicherheitsphasen (IPC), Bericht, veröffentlicht am 23. September 2026 (in Englisch)
https://www.ipcinfo.org/fileadmin/user_upload/ipcinfo/docs/IPC_Somalia_Acute_Food_Insecurity_Malnutrition_Jul_Dec2026_Snapshot.pdf