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  1. Humanitäre Nachrichten

Erdbeben in Venezuela: Einen Monat nach der Katastrophe benötigen die Gemeinden weiterhin Unterstützung

Von Simon D. Kist , 24 Juli 2026

Einen Monat, nachdem zwei schwere Erdbeben die nordzentrale Küste Venezuelas erschüttert haben, machen humanitäre Organisationen auf die langfristigen Auswirkungen aufmerksam, mit denen die Gemeinden nach wie vor konfrontiert sind, darunter Vertreibung, beschädigte Infrastruktur und unterbrochene lebenswichtige Versorgungseinrichtungen. Bei den Erdbeben kamen fast 5.400 Menschen ums Leben, mehr als 16.000 wurden verletzt und Tausende verloren ihr Zuhause.

Nachdem am 24. Juni um 18:00 Uhr Ortszeit innerhalb einer Minute zwei Erdbeben der Stärke 7,2 und 7,5 die nordzentrale Region erschütterten, befindet sich das Land weiterhin in einem nationalen Notstand. Es handelte sich um die schwersten Erdbeben, die Venezuela seit über einem Jahrhundert heimgesucht haben.

Bei diesen Erdbeben kamen mehr als 5.390 Menschen ums Leben, über 16.700 wurden verletzt und es folgten mehr als 1.460 Nachbeben. Zudem konnten 6.462 Menschen lebend gerettet werden. Bis zu 1,3 Millionen Menschen in den betroffenen Gebieten benötigen humanitäre Hilfe.

Fast 24.000 Menschen leben nach wie vor in Notunterkünften in ganz Venezuela. Nach Angaben der Behörden sind 107 Notunterkünfte in Betrieb, um die betroffene Bevölkerung zu versorgen.  Stand Mittwoch befinden sich 41 dieser Notunterkünfte in Caracas, 28 in La Guaira, 28 in Miranda und 10 in Aragua.

Die strukturellen Schäden sind erschütternd. Nach Angaben der Behörden sind mindestens 856 Gebäude betroffen, von denen 190 eingestürzt sind. Schadensgutachten zeigen weiterhin das Ausmaß der Auswirkungen auf; bislang wurden Tausende von Gebäuden vorläufig begutachtet.

Eine erste Einschätzung des Büros der Vereinten Nationen für Katastrophenvorsorge (UNDRR) beziffert die direkten Schäden an Wohngebäuden und Infrastruktur auf rund 37 Milliarden US-Dollar. Der größte Teil der Schäden in Höhe von insgesamt rund 24 Milliarden US-Dollar konzentriert sich auf Wohnhäuser, Unternehmen, Schulen, Krankenhäuser und öffentliche Einrichtungen.

Am Freitag, genau einen Monat nach den Erdbeben in Venezuela, warnte das Amt der Vereinten Nationen für die Koordinierung humanitärer Angelegenheiten (OCHA), dass der humanitäre Bedarf von Zehntausenden Familien nach wie vor immens ist.

Seit Beginn der Notlage arbeiten Hilfsorganisationen mit den venezolanischen Behörden zusammen, um den Betroffenen zu helfen. Sie haben mehr als 117.000 Menschen mit Lebensmitteln, medizinischer Versorgung, sauberem Wasser, sanitären Einrichtungen, Schutz, Notunterkünften, Bildung, Ernährung und psychosozialer Unterstützung geholfen.

Dazu gehören auch Vertriebene in Notunterkünften, vor allem in La Guaira, dem am stärksten von der Katastrophe betroffenen Bundesstaat. Über 90 Prozent der Hilfeempfänger befinden sich in den sieben betroffenen Bundesstaaten, insbesondere in La Guaira, Miranda, dem Hauptstadtdistrikt und Aragua.

Die schnellen Hilfsmaßnahmen wurden durch die Bemühungen von mindestens 49 humanitären Organisationen ermöglicht, die Maßnahmen in den Bereichen Wasser, Sanitärversorgung und Hygiene (WASH), Ernährungssicherheit, Gesundheit, Unterkünfte, Ernährung, Schutz – einschließlich Kinderschutz und Maßnahmen gegen geschlechtsspezifische Gewalt (GBV) – sowie Bildung durchführten.

Nach Angaben der Behörden hat die internationale Gemeinschaft 3.000 Tonnen Hilfsgüter mobilisiert, und mehr als 30 Länder haben Rettungsteams und technische Experten entsandt.

Die Maßnahmen der Regierung konzentrieren sich weiterhin auf die Verwaltung von Übergangslagern und die Unterstützung der betroffenen Bevölkerung. Hilfsorganisationen führen ihre Aktivitäten in verschiedenen Sektoren fort und stocken die Hilfe auf, um die von den Erdbeben betroffenen Gemeinden und die Menschen im ganzen Land zu unterstützen, die bereits zuvor humanitäre Hilfe benötigten.

Gemeinsam mit dem humanitären Koordinator und in Abstimmung mit den nationalen Behörden koordiniert OCHA weiterhin die humanitären Hilfsmaßnahmen, wobei Maßnahmen in den Bereichen Gesundheit, Unterkünfte, Ernährungssicherheit, WASH, Hygiene, Logistik und Schutz Priorität haben.

Am Freitag erklärte OCHA, dass auch einen Monat nach den Erdbeben die fortgesetzte internationale Unterstützung von entscheidender Bedeutung sein werde, da der humanitäre Bedarf bestehen bleibe. Bislang ist der nach den Erdbeben gestartete humanitäre Aufruf erst zu 41 Prozent finanziert. Es werden mehr Mittel benötigt, um die Hilfe aufrechtzuerhalten und den betroffenen Familien dabei zu unterstützen, sich zu erholen und ihr Leben wieder aufzubauen.

Anfang Juli hatten die Vereinten Nationen einen Nachtrag zum Humanitären Reaktionplan (HRP) in Höhe von 299 Millionen US-Dollar angekündigt, um den Bedarf von 1,3 Millionen von den Erdbeben betroffenen Menschen in den kommenden sechs Monaten zu decken. Durch den Nachtrag wurde der Zielwert der zu versorgenden Bevölkerung von 5,5 Millionen auf 6,2 Millionen Menschen erhöht, wodurch sich der Gesamtfinanzierungsbedarf von 632 Millionen US-Dollar auf 931 Millionen US-Dollar erhöhte.

Im Einklang mit dem Nachtrag haben mehrere Organisationen, Fonds und Programme der Vereinten Nationen Nothilfeaufrufe veröffentlicht, um die humanitäre Hilfe zu verstärken und die Hilfs- und Wiederaufbaumaßnahmen nach den Erdbeben zu unterstützen.

Das Kinderhilfswerk der Vereinten Nationen (UNICEF) baut seine vielschichtige humanitäre Hilfe weiter aus und konzentriert sich dabei auf Gesundheit, Ernährung, WASH, Kinderschutz sowie Maßnahmen zur frühkindlichen Förderung in Übergangslagern, Gemeinden und Einrichtungen.

UNICEF hat bereits über 21.000 Menschen in den am stärksten betroffenen Gebieten lebensrettende Hilfe geleistet. Zudem wurden Hilfsgüter zur Deckung des Bedarfs von bis zu 150.000 Menschen verteilt.

Am Freitag gab UNICEF bekannt, dass die Organisation daran arbeitet, rund 470.000 Menschen, darunter 169.000 Kinder, lebensrettende Hilfe in den Bereichen Gesundheit, Ernährung, Wasser und Sanitärversorgung, Kinderschutz, Bildung und soziale Sicherung zukommen zu lassen.

Unterdessen bleibt der Zugang zu Nahrungsmitteln ein Hauptanliegen für Familien in den betroffenen Gebieten.

Ebenfalls am Freitag berichtete das Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen (WFP), dass es über 120.000 Menschen mit Nahrungsmittelhilfe versorgt hat, darunter warme Mahlzeiten in Notunterkünften, verzehrfertige Rationen für Vertriebene, Lebensmittelpakete für Haushalte mit Kochmöglichkeiten sowie vorausbezahlte elektronische Gutscheine für Gebiete mit funktionierenden Märkten. Dieser Ansatz ermöglicht es den Familien, ihre eigenen Bedarf zu priorisieren.

Die UN-Organisation fungiert zudem als logistisches Rückgrat der humanitären Hilfsmaßnahmen, indem sie Hilfsgüter in schwer erreichbare Gemeinden transportiert. Die Logistikdienste des WFP unterstützen Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und UN-Organisationen durch den Transport und die Lagerung von Hilfsgütern für Unterkünfte, Gesundheit, Schutz und WASH.

Das WFP hat inzwischen ein Drittel der für die Aufrechterhaltung und Ausweitung der Hilfsmaßnahmen benötigten 80 Millionen US-Dollar gesichert, während die Organisation weiterhin daran arbeitet, die Finanzierungslücke zu schließen und die Unterstützung für 500.000 Menschen über einen Zeitraum von drei Monaten sicherzustellen.

Die Internationale Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften (IFRC) und das Venezolanische Rote Kreuz (VRC) haben drei kritische Bereiche für die kurz- und mittelfristige humanitäre Hilfe identifiziert: medizinische Grundversorgung, medizinische Versorgung im Bereich der psychischen Gesundheit und Zugang zu sicherem Trinkwasser.

Als Reaktion auf die Krise betreibt die Nichtregierungsorganisation Médecins Sans Frontières (Ärzte ohne Grenzen, MSF) vier mobile Kliniken, die in den am stärksten betroffenen Gebieten medizinische Grundversorgung, psychologische Betreuung, Gesundheitsförderung und WASH-Maßnahmen anbieten. Drei der Kliniken befinden sich in La Guaira (Maiquetía, Catia La Mar und Tamaguarena), eine in Caracas (Avenida Bolívar).

Diese Kliniken versorgen Familien, die alles verloren haben, mit medizinischer Grundversorgung, sauberem Wasser und psychologischen Notfallmaßnahmen. Im vergangenen Monat haben die medizinischen Teams von MSF merhr als 2.200 medizinische Konsultationen durchgeführt.

Am Freitag warnte MSF, dass die erlittenen Verletzungen über den physischen Bereich hinausgehen. Familien, die noch immer unter den Trümmern nach Angehörigen suchen, sowie der Schock über die plötzliche Obdachlosigkeit und Vertreibung haben zu einer Krise der psychischen Gesundheit geführt.

Um diesen Bedarf an psychologischer Betreuung zu decken, hat MSF psychologische Unterstützung in seinen mobilen Einsatz integriert. Da die lokale Infrastruktur stark beeinträchtigt ist, führen die MSF-Teams zudem WASH-Maßnahmen durch.

Am Donnerstag erklärte der Norwegian Refugee Council (NRC), dass die internationale Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung für die vom Erdbeben betroffenen Gebiete verstärkt werden müsse, ohne dabei diejenigen zu vernachlässigen, die bereits zuvor humanitäre Hilfe benötigten.

Derzeit benötigen bis zu 1,3 Millionen Menschen in den Katastrophengebieten humanitäre Hilfe; diese Zahl liegt um mehr als 700.000 über der Zahl vor den Erdbeben. Damit beläuft sich die Gesamtzahl der Menschen im ganzen Land, die auf humanitäre Hilfe angewiesen sind, auf 8,6 Millionen.

„Der erste Monat nach einer Katastrophe bringt oft weltweite Solidarität und Aufmerksamkeit mit sich. Die eigentliche Bewährungsprobe besteht nun darin, ob diese Unterstützung auch dann noch anhält, wenn die Schlagzeilen verblasst sind“, sagte Elena Vicario, Landesdirektorin des NRC in Venezuela.

„Familien, die ihr Zuhause, ihre Lebensgrundlage und den Zugang zu grundlegenden Versorgungsleistungen verloren haben, können ihr Leben nicht auf der Grundlage kurzlebiger Zusagen wieder aufbauen.“

Venezuela befand sich bereits vor den Erdbeben in einer seit langem andauernden humanitären Krise, wobei mehr als die Hälfte der Bevölkerung in extremer Armut lebt. Jahrelange wirtschaftliche Not hat fast 8 Millionen Menschen dazu getrieben, das Land zu verlassen.

Die verheerenden Erdbeben ereigneten sich zu einer Zeit, in der Millionen Venezolaner bereits mit einem erheblichen humanitären Bedarf konfrontiert waren. Zu Beginn des Jahres benötigten etwa 7,9 Millionen Menschen in Venezuela aufgrund von wirtschaftlicher Stagnation, Inflation und überlasteten öffentlichen Diensten humanitäre Hilfe.

Das Land hat weiterhin mit komplexen wirtschaftlichen und politischen Entwicklungen zu kämpfen, die sich nachteilig auf schutzbedürftige Bevölkerungsgruppen auswirken. Anhaltende Lücken bei der Grundversorgung, darunter Gesundheitsversorgung, Wasserversorgung, Bildung und Energieversorgung, gehören nach wie vor zu den dringendsten Anliegen schutzbedürftiger Gemeinschaften.

Der Zugang zu sozialer Absicherung, Unterstützung bei der Existenzsicherung und einkommensschaffenden Möglichkeiten ist begrenzt, insbesondere für Frauen, Kinder, ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, indigene Gemeinschaften, Vertriebene und Angehörige der LGBTQ+-Gemeinschaft.

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